Boßeln – wie alles begann…

Herbst 98: Das männliche RSH-Kollegium war bei einem der zahllosen Treffen bei Georg Müser zu Gast.

Nach gutem Essen: rauchen – denken – erinnern – erzählen… unter andrem eine Erzählung aus dem hohen Norden über Bräuche der Friesen zu kalter Winterzeit: dabei Erleben von Gemeinsamkeit, Geselligkeit, von Natur pur, deftigem Mahl – auf den Punkt gebracht: vom Boßeln. Und das geschah mitten im Herzen des Rheinlands – aber authentisch durch unseren Friesen Werner Metz.

Bei seiner lakonischen Erzählweise spürt man quasi – unterstützt durch seinen unüberhörbaren und für Rheinländer unnachahmlichen friesischen Akzent: nasse Kälte abgewehrt durch Kruiden, Freudenrufe bei geglückten Würfen, die harte Kugel aus Pockholz in der Hand, nass von der Wiese, glitschig vom Acker.

Die Kollegen wollen mehr wissen: Sie erfahren vom plötzlich klönlustigen, dem leichten Kölsch sonst reserviert gegenübersitzenden Lehrer aus dem Norden Einzelheiten vom Volks- und Leistungssport der Norddeutschen, dem Boßeln.

Bildungsbeflissene und Neugierige schauen später im Grimmschen Wörterbuch nach und finden viele Varianten: booßeln, bosseln, boßeln, boseln etc., undeutliche Beschreibungen und vage Hinweise auf freudiges Beisammensein, Spaß, Naturerleben.

Dies wollen die Kollegen der Realschule, die rheinischen Weicheier aus nordischer Sicht, ebenfalls einmal erleben: also Boßeln in Hackenbroicher Gefilden, Begeisterung, die auf das ganze Kollegium übertragen werden soll.

Doch, oh Schreck, gebildete, stadtverwöhnte Damen fürchten sich vor Wandern auf schwerem Boden, vor der Blamage, eine Holzkugel nicht geschickt zu rollen, vor Regen, Nässe, Kälte, deftigem Völlern.

Boßeln als globales Kollegiumsunternehmen scheitert, wird gegen den tapferen Vorstoß der Zwölf-Apostel-Gesellschaft ( = die männlichen Kollegen der RSH ) – abgeschmettert, weiblicher Gemeinschaftssabotage geopfert. Rheinische Weicheier … dies scheint sich zu bestätigen.

Unverständnis im Quadrat – Angst vor Unbekannten, nordisches barbarisches Verhalten als unnachahmungswürdiges wildes Männerverhalten ablehnend: eine rheinische Betonwand gegenüber friesischem Frohsinn wird errichtet. Eine Betonwand? – Nein! Nur ein brüchiges, unbewehrtes Machwerk, niedergerissen von männlicher Begeisterung und kollegialer Fürsorge: Auch ein Friese darf heimatlichen Brauch in der Boßel-Diaspora pflegen!!!

So wurde vorbereitet:
Catering – Stubbenflaschen, Küstennebel, deftiger nordischer Kruiden (Kräuterschnaps), gepflegte bäuerlich belegte Brötchen aus bewährter Hand
Transport – Schuhe mit Grip, Bollerwagen mit gummierten Rädern und Hinweisschild für rheinisches Publikum: Boßeln 2000.

Eingehüllt in warme rustikale Wintersportkleidung und gestärkt durch einen kurzen kräftigen Imbiss nach nervenzermürbenden Unterricht, so vorbereitet hörte das männliche Kollegium, unterstützt durch die Hausmeistermänner andächtig und gespannt dem nordischen Fachmann und Boßel-Moderator Werner Metz zu:
Bildet zwei Mannschaften (A: Otto Küpper, Gregor Wczasek, Norbert Latak, Manfred Schmidt, Ludger Becker B: Werner Metz, Rainer Kaske, Hasan Kabayel, Georg Müser, Ralf Teßmann), wählt einen Teamchef (A: Otto Küpper, B: Werner Metz) nummeriert die männlichen Mannschaftskollegen und dehnt und lockert eure Muskulatur.

Genauso werden die ersten Vorbereitungen getroffen – natürlich unter strenger Obacht regionaler und lokaler Presse, der Bedeutung des folgenden Events angemessen!

Der Boßel-Trainer spricht weiter: Hier, schaut diese Holzkugeln, frisch importiert aus Deutschlands Waterkant, aus einem Stück in mühevoller Arbeit gedrechselt, mehrfach lackiert, poliert, dass schöne Maserung wirkungsvoll erscheint – vollkommenes Kunstwerk zu freudvollem Boßeln!

Der boßelfreudige Werner Metz zeigt mit einer Probe, worauf es ankommt: Mit Schwung rollt er die glänzende Kugel. Sie saust davon, springt bei Unebenheiten aus vorgedachter Fahrtrichtung und landet viele Meter weit vom Werfer entfernt. Anerkennendes Murmeln der Männer lässt sich hören, so boßelt nur ein Meister.

Die Mannschaften boßeln abwechselnd: Nummer A1 gegen Nummer B1, Otto Küpper gegen Werner Metz. Die Mannschaft erreicht einen Schöt (ein Punkt beim Boßeln), wenn zwei Werfer die vorgboßelte Weite der Gegner nicht erreichen. Der Weg durch das Feld zur Tennisanlage und weiter zu den Bauernhöfen, zum und durch den Tannenbusch, zurück über den Holzweg zur Tennisanlage und weiter zur Schule ist erwählt, die tapferen wetterstrotzenden Männer setzen sich freudig in Bewegung und beginnen das gesellige Werk.

Schon bald ist der erste Schöt für Mannschaft B erboßelt, von ihr wird der Schöt mit Kruiden und Küstennebel begrüßt, die A-Mannschaft mit gleichem Trank getröstet. Schnell zieht Mannschaft B auf drei Schöts davon – Analytiker stellen fest, dass die junge Mannschaft gegen die ältere führt – doch an den Bauernhöfen holt Mannschaft A auf und kurz vor dem Tannenbusch steht es nur noch 3:2 für die Werner-Metz-Mannschaft. Aber die Tücken des Waldweges – andere sehen darin das Geschick der Mannschaft B – lassen die Kugel der A-Mannschaft auf widrige Weise im Acker stecken bleiben. Zum Schluss gewinnt die Mannschaft des Meisters aus dem Norden, also die Helden Werner, Hasan, Georg, Rainer und Ralf mit 5:2 Schöts. Trotzdem eilen die beiden Mannschaften geschlossen und fröhlich mit nun leerem Cateringwagen dem Ziel, die Küche der Realschule, zu. Dort wartet auf wettergehärtete und boßelerfreute Werfer ein deftiges Mahl, von Otto Küpper vorbereitet, der nordischen Pinkel-und-Grünkohl-Mahlzeit nachempfundene Topf mit Mettwürstchen und Grünkohl, ergänzt mit Kasslerscheiben und Eifelsenf aus bekannter Quelle – und leichtbekömmliches Kölsch vom Fass – die Sieger zu entlohnen und die tapferen Verlierer zu erfreuen und wieder aufzubauen.
Ein nächstes Sommerboßeln wird schon terminiert – eventuell ein offenes Boßeln, offen für weitere interessierte Kollegiumskreise.

Norbert Latak

 

Presseberichte vom Boßeln am 14.1.2000

Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 18.1.00

Rheinischer Anzeiger vom 19.1.00

 

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